Rennradfahrer allein in Zeitfahrhaltung auf Schweizer Landstrasse, Mentaltraining Radsport

Mentaltraining im Radsport: Stark bleiben, wenn du allein fährst

Mentaltraining im Radsport entscheidet, wenn niemand vor oder hinter dir ist. So bleibst du allein gegen die Uhr stark, aus der Coaching-Praxis.

Ein junger Nachwuchs-Kader-Biker sitzt mit mir im Coaching, einer meiner Athleten. Vor ihm liegt eine Talentsichtung, ein Einzel-Zeitfahren über vier, fünf Minuten, keiner vor ihm, keiner hinter ihm. «Klingt nach wenig», sag‘ ich. «Ja», sagt er, «aber es ist richtig zäh.» Auf dem Papier reicht das, was er im Training tritt locker, um vorne dabei zu sein. Sein Problem ist etwas anderes.

Mentaltraining im Radsport startet genau hier: allein, ohne jemanden vor dir und ohne jemanden hinter dir.

Im Feld ist er stark. Letztes Jahr Vierter bei einem wichtigen Rennen, über hundert Plätze in der Weltrangliste gutgemacht. Aber sobald er allein vorne ist, wird’s schwierig. Darum sitzen wir hier.

Warum Mentaltraining im Radsport anders funktioniert

«Wie bist du diese Saison damit umgegangen, wenn’s hart wurde?», meine Frage.

«In der Erinnerung war ich immer im Flow und konnte mich an den anderen orientieren. Mich an ihnen festziehen.» Kurze Pause. «Aber das geht ja nicht, wenn ich allein bin.»

Und da steckt das Thema drin. Die meisten Sportarten bieten dir den Gegner vor die Nase, im Fussball den Mann, im Tennis den Return. Du reagierst. Im Radsport reagierst du über weite Strecken auf gar nichts. Im Zeitfahren schon gar nicht. Wer wie Marlen Reusser vorne fährt, weiss, wie einsam es um einen wird.

«Und wie hast du’s trotzdem geschafft, wenn’s wehtat?»

«Das einzige Ziel im Kopf: dranbleiben.»

«Dranbleiben, woran?»

Schweigen. An dem vor ihm, natürlich. Nur, wenn keiner mehr da ist …

Allein an der Spitze: das eigentliche Problem

Ich frag‘ weiter, wie es ist, wenn er ganz vorne ist und niemand zu sehen.

«Ich merke trotzdem das Gefühl, dass jemand hinter mir ist. Fast wie ein Verfolgungswahn.»

«Und das hilft dir?»

«Ja. Ich hab das Gefühl, ich muss Gas geben, dass mich auch keiner überholt.»

«Woran merkst du am Körper, dass du im Flow bist?»

Er überlegt. «Ein Stressgefühl. Schnell, aggressiv, hier in der Brust.»

Das ist die Stelle, an der viele Coaches falsch abbiegen. Sie würden versuchen, das Gefühl loszuwerden. Ruhig werden, durchatmen. Ich halt‘ das für einen Fehler. Das Gefühl ist keine Störung, es ist Energie. Sie hat bloss niemanden, an den sie sich richten kann, und läuft deshalb ins Leere. Er schaut innerlich nach hinten, wo keiner ist, statt nach vorne, wo das Ziel ist. Vier Minuten gegen ein Phantom. Ob das bei jedem Solo-Fahrer so ist, weiss ich nicht. Aber bei vielen, die ich sehe.

Visualisier dir den Gegner

«Was, wenn du dir diesen Verfolger einfach vorstellst? Auch wenn keiner da ist.»

Das ist der Moment, auf den ich als Coach hoffe. Weil die besten Ideen vom Athleten selbst kommen. «Vielleicht», sagt er, «könnte ich mir vorstellen, dass die Watt-Bereiche auf dem Messgerät der Gegner sind.»

Und genau das. Die Wattzahl wird der, an dem er dranbleibt. Fällt er drunter, ist das, als würde ihn gleich einer überholen. Hält er sie, bleibt er vorne. Den Gegner trägt er von da an am Lenker.

«Probier’s gleich mal aus.»

In den Grundlagen für gezieltes Visualisieren ist er schon geübt.

Augen zu, eine, zwei, drei Minuten. Danach: «Am Anfang war das Gefühl noch schwach. Gegen Ende hat’s sich angefühlt wie im Rennen.» Beim zweiten Test geht’s schneller, beim dritten noch schneller. Zwischendurch schüttelt er sich einmal aus, zurück auf neutral, dann wieder rein. Das ist die eigentliche Arbeit. Nicht die eine grosse Vorstellung am Renntag, sondern fünf, sechs, sieben kurze über den Tag verteilt, bis der Zustand von allein kommt.

Eine Sache lassen wir, wie sie ist. Seine Routine vor dem Start, diese zehn, fünfzehn Minuten, in denen er sich in den State reinbringt. «Da würd ich erstmal nichts ändern», empfehl‘ ich. «Behalte, was läuft.»

Was die Forschung sagt

Selbstgespräche führen, klingt nach einem Kalenderspruch. Ist aber gut untersucht. Blanchfield und Kollegen (2014) haben Radsportler bis zur Erschöpfung fahren lassen. Die, die vorher gezielt mit sich geredet hatten, hielten länger durch und empfanden dieselbe Belastung als weniger hart.

Der Mechanismus ist derselbe wie bei ihm. Nicht «ich bin der Beste», das glaubt dir dein Kopf ohnehin selten. Eher ein Wert, an dem du dich festhältst, weil er konkret ist. Eine Zahl kannst du halten.

Und das ist keine Spitzensport-Sache. Den Einbruch im Solo kennt der ambitionierte Hobbyfahrer genauso. Es geht nicht darum, wie stark du bist, sondern was dein Kopf macht, wenn du keinen Einfluss drauf nimmst.

Dein nächster Schritt

Achte beim nächsten harten Solo mal drauf, im Zeitfahren oder am langen Anstieg. Wo bist du mit dem Kopf? Hinten, bei einem Verfolger, den’s nicht gibt?

Oder vorne, bei einer Zahl, die du halten willst?

Genau da entscheidet sich Mentaltraining im Radsport. Nicht am Start und nicht im Ziel, sondern in den Minuten dazwischen, in denen du dir selbst der einzige Gegner bist. Das lässt sich üben.

Wenn die Beine reichen, aber der Kopf nicht mitmacht, dann meld dich. Ich arbeite mit Fahrern auf jedem Niveau, vom Nachwuchs bis ganz nach vorne, unter anderem in der gemeinsamen Arbeit mit Marlen Reusser.

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Häufige Fragen zu Mentaltraining im Radsport

Was bringt Mentaltraining im Radsport?

Es macht genau den Teil trainierbar, den die Beine nicht abdecken: die Fähigkeit, allein und ohne Gegner ein hohes Tempo zu halten. Wer im Feld stark ist, aber im Solo oder Zeitfahren einbricht, gewinnt hier am meisten. Sportmentaltraining im Radsport zielt auf den Moment, in dem du dich nur noch an dir selbst festhalten kannst.

Wie trainiere ich mentale Stärke fürs Zeitfahren?

Indem du dir z.B. einen inneren Gegner visualisierst, statt gegen ein Gefühl anzukämpfen. In der Praxis funktioniert das gut über den Wattmesser: Die geplanten Wattzahlen werden zu dem, an dem du dranbleibst. Wichtig ist tägliches, kurzes Üben, nicht eine einzelne Vorstellung kurz vor dem Start.

Funktioniert Visualisierung im Radsport wirklich?

Ja, wenn sie konkret und wiederholt eingesetzt wird. Dein Gehirn aktiviert beim mentalen Durchspielen ähnliche Bahnen wie bei der echten Bewegung. Als Teil der mentalen Vorbereitung aufs Radrennen wirkt sie am besten in kleinen Dosen über Wochen, nicht als einmaliger Wunschfilm.

Ab welchem Niveau lohnt sich Mentaltraining im Radsport?

Sobald der Kopf zum Faktor wird, und das ist früher, als die meisten denken. Schon ambitionierte Hobbyfahrer kennen den Einbruch im Solo. Mentaltraining im Radsport lohnt sich überall dort, wo die Form da ist, aber im Wettkampf nicht ankommt.

Weiterführende Artikel

Referenzen

  • Blanchfield, A. W., Hardy, J., De Morree, H. M., Staiano, W., & Marcora, S. M. (2014). Talking yourself out of exhaustion: The effects of self-talk on endurance performance. Medicine & Science in Sports & Exercise, 46(5), 998-1007. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000000184

Zuletzt aktualisiert: Juni 2026